Commodore OS Vision – Ein Stück „Damals“

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Als ich (erst) kürzlich mitbekommen habe, dass Commodore USA eine eigene Linux-Distribution namens Commodore OS Vision anbietet, habe ich mir gleich mal die am 11. November veröffentlichte Beta-Version heruntergeladen. Als C64-Fan (womit alles begann…) war meine Neugierde einfach zu groß…

Back to the future? Ahead to the past!

Die Neuauflage des „Brotkastens“

Nachdem Mitte 2010 die Firma Commodore USA bekannt gegeben hat, dass sie sich Lizenzrechte für diverse Commodore-Marken gesichert hat, wurde Ende des selben Jahres ein neuer C64 angekündigt. Das neue Gerät sollte die alte Brotkasten-Form mit neuer Technik verbinden. Es wird wohl zunächst mit Ubuntu 10.10 ausgeliefert. Da das aber nicht so bleiben soll, hat man eben Commodore OS Vision als eigene Linux-Distribution ins Leben gerufen. Wo man das Gerät (außer direkt bei Commodore USA) kaufen kann, weiß ich nicht.

Wer sich nach dem Trailer-Video auf das Abenteuer einlassen will findet auf der Download-Seite von Commodore USA zwei Downloads: die erste DVD für Installation und Live-Betrieb und eine zweite DVD mit jede Menge Extras. Beides wird (ausschließlich) als Torrent angeboten. Aktuell war bei mir die sechste Beta.

Der Unterbau

Commodore OS Vision baut auf Ubuntu 10.10 „Maverick Meerkat“ auf. Direkter Vorfahre ist aber Linux Mint – wenn ich das richtige sehe, müsste die entsprechende Mint-Version „Julia“ sein. Als Benutzeroberfläche kommt Gnome 2 zum Einsatz.

Wichtig ist, dass (zumindest derzeit) nur eine 64bit-Variante existiert. Wer einen 32bit-Rechner hat, guckt also in die Röhre – das System wird darauf nicht booten.

Die Optik

Die Oberfläche von COS Vision

Ganz klar und logisch. Das erste, besondere Merkmal der Distribution ist die Optik. Natürlich ist die allgemein in blau gehalten, angelehnt an den C64.

Auffälliger als die Farbe sind jedoch die Effekte. Das Wort „schlicht“ scheint bei den Machern keine Bedeutung zu haben. Die Fenster wabbeln beim Hin- und Herbewegen, brennen beim Minimieren nieder und explodieren beim Schließen. Menüs und Tooltips fliegen drehend ins Bild hinein und wieder hinaus. Der Boot-Screen und die Mauszeiger sind animiert. Und natürlich darf auch der Desktop-Cube nicht fehlen.

Das ganze wird dann noch mit akustischen Effekten garniert, die teils etwas an alte 8bit-Zeiten erinnern. Dialog-Fenster gibt es teils sogar mit Sprachausgabe. 😎

Was die Bedienung angeht, dürfte mit den Worten „Gnome 2″ alles gesagt sein. Jedoch ist zusätzlich zum Menü im oberen Panel standardmäßig ein AWN-Dock am unteren Bildschirm-Rand platziert.

Software-Umfang

Wie schon geschrieben, gibt es das OS derzeit nur in Form einer DVD. Der Software-Umfang ist dementsprechend groß. Picasa und GoogleEarth sind per Default ebenso installiert wie Blender, GIMP, Inkscape, Scribus und das Mediencenter XBMC. Neben dem Default-Browser Firefox ist auch Chromium vorinstalliert.

Anzumerken ist, dass neben einem umfangreichen Software-Angebot im Spiele- und Medien-Bereich auch Tools für die Software-Entwicklung einen großen Bereich des Software-Angebots auf den DVDs einnehmen. Zunächst werden zwei Basic-Umgebungen installiert: Gambas2 und sdlBasic. Mit denen können GTK+- und QT-Anwendungen mit einem GUI-Designer gebaut werden. Auf der Extras-DVD findet sich dann aber praktisch für alle Sprachen eine Entwicklungsumgebung.

Natürlich kann und will ich hier jetzt nicht alle Programme nennen, die im Unterschied zu Ubuntu mit Aufsetzen des Systems gleich mit dabei sind. Eine offizielle (aber wohl auch nicht vollständige) Liste findet sich auf der Info-Seite zum COS bei Commodore USA (englisch).

Der „Link to the past“

Es stellt sich natürlich die Frage: wo bleibt die Nostalgie?

Turrican II im C64-Emulator

Da sind zum Beispiel die zahlreichen Emulatoren. Mit installiert werden Emulatoren für die alten Commodore-Rechner C64, C128, Amiga, PET, VIC-20 und Plus/4. Leider funktionieren die Emulatoren nicht out-of-the-box. Der größtenteils verwendete Emulator VICE wird unter Linux wohl ohne die benötigten Kernel bzw. ROMs ausgeliefert. Warum die allerdings bei einer solchen Linux-Distribution nicht gleich dabei sein können, verstehe ich nicht. Mit den Hinweisen im ubuntuusers.de-Wiki konnte ich die Emulatoren jedenfalls zum Laufen bringen.

Ausnahme ist der Amiga – der läuft bei mir nach wie vor nicht. Der Hersteller des Emulators darf aus rechtlichen Gründen das Kickstart-ROM nicht mit dem Emulator mitliefern. Wer das notwendige ROM will, muss scheinbar ein Paket namens Amiga Forever kaufen. Hmm, alles etwas kompliziert und seltsam.

Übrigens sollte es möglich sein, direkt in den C64-Emulator hinein zu booten (oder „nur“ anmelden?!). Es gibt dazu einen Konfigurations-Dialog, über den man einstellen kann, was man starten möchte. Allerdings hat das mit dem C64-Emulator bei mir auch nicht funktioniert.

Für Freunde der guten, alten SID-Musik (SID war der Sound-Chip des C64) findet sich im Programm-Aufgebot ein SID-Player. Musik-Dateien dazu findet man auf der Extras-DVD in rauen Mengen. Dazu gibt es dann noch einen Composer zum Erstellen eigener SID-Musikstücke.

Amiga-Fans finden in den Menüs sowohl einen Amiga-MOD-Tracker zum Abspielen von Amiga-Musikdateien (MODs), als auch ein Clone des damals wohl besten Grafikprogramm Deluxe Paint.

Terminal in Commodore OS Vision

Was mich besonders gefreut hat, war das Terminal. Natürlich wird das in hellblauer Schrift auf dunkelblauem Hintergrund dargestellt. Das Lustige ist aber, dass als „Begrüßung“ im Terminal zunächst eine Meldung über den freien Speicher angezeigt wird (was in ähnlicher Form ja auch der C64 gemacht hat). Außerdem ist der Prompt angepasst, so dass sich die Eingabeaufforderung immer wieder mit READY. meldet. Herrlich. Wenn auch nur eine Kleinigkeit und etwas gewöhnungsbedürftig.

Die Extras-DVD

Auf der Extras-DVD findet sich ein ZIP-Archiv und darin verschiedene Zusatz-Programme als deb-Paket. Eigentlich sollte man die Möglichkeit haben, den Inhalt der Extras-DVD über den Menüpunkt Install Commodore OS Extras im Menü System → Commodore Extras zu installieren. Leider hat das bei mir nicht funktioniert.

Ich habe das ZIP-Archiv dann manuell auf die Platte kopiert, dort entapckt und die Programme aus dem Archiv per dpkg teilweise nachinstalliert.

Auf der Extras-DVD findet man:

  • Amiga-Musik (MODs; ca. 60MB)
  • CBMEducational Unterrichts-Reihe von Commodore, verschiedene Themen (ca. 30 Disks; ca. 5MB)
  • Spiele (knapp 170 .deb-Pakete; ca. 2,3GB)
  • Grafik-Programme bzw. -Bibliotheken (23 .deb-Pakete; 15MB)
  • C64-Musik (ca. 40.000 SIDs, geordnet nach Demo, Game und Komponist; knapp 240MB)
  • PublicDomain-Disks und -Games für den Amiga (knapp 400 Disks; ca. 340MB)
  • Entwicklungsumgebungen und -Tools (ca. 220 .deb-Pakete; ca. 370MB)
  • Sound- und Video-Tools (ca. 70 .deb-Pakete; ca. 260MB)
  • Windows-Spiele zur Benutzung mit WINE (9 Stück; ca. 210MB)

Fazit

Ich beschäftige mich gerne immer mal wieder mit den alten Spielen usw. Die entsprechenden Teile von Commodore OS Vision machen mir daher natürlich auch Freude. Zudem habe ich eine Reihe neuer Programme kennengelernt, weil sie einfach in dem sehr großen Installationsumfang schon enthalten waren und ich sie einfach mal gestartet habe. Auf viele dieser Programme wäre ich sonst womöglich nie gestoßen.

Was mir ebenfalls positiv aufgefallen ist: es wurden einige kleine Details eingebunden, die das Leben einfach einfacher machen. Beispielsweise sei hier das Applet genannt, mit dessen Hilfe man hängengebliebene Fenster schnell mal abschießen kann.

Trotzdem. Man wird einfach erschlagen mit Effekten. Das Design dient nicht immer der Usability – oftmals ist der Bildschirm nicht sonderlich gut lesbar. Die Vorstellung fällt mir schwer, dass jemand wirklich mit einer solchen Distribution arbeiten möchte. Es stellt sich sicher ohnehin die Frage, ob es überhaupt eine Commodore-Distribution geben muss.

Auf diese Frage würde ich aber dennoch mit „warum nicht?“ antworten wollen. Warum nicht ein dezent angepasstes Ubuntu bzw. Mint? Mit einer klaren Linie was die Software angeht – damit man nicht zwingend eine Installations-DVD braucht, sondern auch eine CD ausreicht. Eine Extras-DVD kann ja trotzdem gerne angeboten werden – die Installation der Extras sollte dann natürlich funktionieren.

Das sagt aber wohl gemerkt jemand, der mit den alten Kisten aufgewachsen ist… 😉


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11 Kommentare zu Commodore OS Vision – Ein Stück „Damals“

  1. Kommentar von Rasi
    29. November 2011, 19:34 Uhr.

    kannst du bitte die terminal font und das colortheme dazu publik machen?

    • Kommentar von Gerald
      1. Dezember 2011, 19:15 Uhr.

      Ich denke, das einfachste wird sein, wenn du dir die DVD runterlädst und als Live-System startest. Das Theme hat knapp 50MB und alle Fonts nochmal knapp 180MB. Ich kann dir die Fonts, die im Theme eingetragen sind auch gerne namentlich nennen.
      Gruß, Gerald

  2. Kommentar von Jürgen
    30. November 2011, 16:01 Uhr.

    Als C64-Fan kennst Du vielleicht den C64-Webserver schon, aber ich find es immer wieder faszinierend: http://cbm8bit.com/index.php
    (Man muss auf das Bild klicken links neben „Our Commodore 64 Web-Server“, um auf den Webserver zu gelangen) …

    • Kommentar von Gerald
      1. Dezember 2011, 19:16 Uhr.

      Kannte ich schon, ja. Tatsächlich einfach nur faszinierend!
      Gruß, Gerald

  3. Kommentar von Nasty Dog
    30. November 2011, 18:40 Uhr.

    „Warum die allerdings bei einer solchen Linux-Distribution nicht gleich dabei sein können, verstehe ich nicht“ –> denkbar wäre ein Speichermedium in Form eines großen Disketten-Kastens, anzuschließen an (USB) Port II.

    „Beispielsweise sei hier das Applet genannt, mit dessen Hilfe man hängengebliebene Fenster schnell mal abschießen kann.“ –> Bullshit! hast du es schon mal mit ein-und-aus-schalten versucht? 😉

    • Kommentar von Gerald
      1. Dezember 2011, 19:18 Uhr.

      Ein- und ausschalten? Ich rede hier doch nicht von Windows! 😉

  4. Kommentar von A. Miga
    3. Dezember 2011, 03:16 Uhr.

    „Ausnahme ist der Amiga – der läuft bei mir nach wie vor nicht. Der Hersteller des Emulators darf aus rechtlichen Gründen das Kickstart-ROM nicht mit dem Emulator mitliefern. Wer das notwendige ROM will, muss scheinbar ein Paket namens Amiga Forever kaufen. Hmm, alles etwas kompliziert und seltsam.“

    Wie Du selbst schreibst, darf aus rechtlichen Gründen kein Amiga-Kikstart mitgeliefert werden. Bzw. müsste gg. Geld vom Commodore-Vision-OS-Distributor (so komisch es auch klingt) eigens eine Lizenz dafür gekauft werden. Dieses Geld möchte man sich anscheinend sparen.

    Es ist noch gar nicht so lange her, da gab’s m.W. noch gar keine Amiga-Emu-Distribution, die die Lizenz für’s Kikstart hatte. Da war es also noch üblich, das ROM zur eigenen Verwendung vom Amiga im eigenen Besitz kopieren zu müssen (was dafür m.W. legal ist) oder es sich irgendwo zu suchen, was aber wohl auch nicht so schwer ist, wie ich hörte.

    Die Auslieferung ohne Kikstart bei Amiga-Emus ist also üblich, wenngleich auch merkwürdig von einem Unternehmen, das Commodore-Nachfolger gleichen Namens ist. Aber Amiga ist ja schon lange ein eigenes Unternehmen. Insofern also auch nachvollziehbar.

    • Kommentar von Gerald
      6. Dezember 2011, 18:50 Uhr.

      Danke dir zunächst mal für die Erläuterung. Zunächst war ja meinerseits die Verwunderung, warum nicht einmal der C64-Emulator OOTB funktioniert. Die Windows-Version von VICE bringt die notwendigen ROMs mit, die Linux-Version nicht?! Das mit dem Amiga ist klar, ok. Aber trotzdem eben etwas irritierend, wenn man ein Commodore-OS installiert und dann praktisch erst einmal keiner der Emulatoren läuft.
      Gruß, Gerald

  5. Pingback: COS - Wie heißt das Spiel bei n:nn? | ME and my U

  6. Kommentar von Jay Diner
    19. November 2012, 11:25 Uhr.

    Mir geht so was von das Herz auf! Als diese speziell aufgepeppte Mint-Distri installiert war und über meinen Bildschirm flimmerte, fing ich an wie ein Schlosshund zu heulen. Einfach genial!

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