Tonstudio, Folge 7: (MOD-)Tracker

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Die Geschichte der MOD-Tracker ist eine lange, und eine mit vielen Abzweigungen. Und wer sie erzählen möchte, muss weit in der Vergangenheit ansetzen. Doch auch heute noch hat diese Spezies von Kompositionswerkzeug viele Fans. Auch wer auf Linux-Basis sucht, findet zahlreiche Anwendungen. Ein Überblick…

Historisches

Begonnen hat es mit Chris Hülsbeck. „Ältere“ Semester bzw. diejenigen von euch, die mit C64 und/oder Amiga aufgewachsen sind, kennen diesen Namen natürlich – und schwelgen nun vermutlich gleich wieder in Erinnerungen an Turrican, Katakis und Co.
Jedenfalls ist sein „Soundmonitor“, mit dem er in den Achtzigern bei einem Programmierwettbewerb des 64’er-Magazins den ersten Platz belegte, praktisch der Ursprung der darauf folgenden, vor allem von der Amiga-Plattform bekannten (MOD-)Tracker, mit bevorzugtem Einsatz in der Spieleindustrie und bei den Demogruppen.

Gerade aber in der DOS-Welt gab es dann einige Programme, die zu Klassikern wurden. Zu erwähnen sind hier die Namen Scream Tracker, der Fast Tracker (II), Impulse Tracker (ein äußerst erfolgreicher Nachfolger der beiden erstgenannten) und der ProTracker.

Das „MOD“ steht dabei für „Soundmodule“ und ist letztendlich als Dateiformat zu sehen, das durch den Amiga-Ursprung Ultimate Soundtracker als Standard definiert, mittlerweile aber durch andere, mächtigere Formate ersetzt wurde. Zum Beispiel durch das von Fast Tracker eingeführte .XM-Format (Extended Module) oder das .S3M-Format des Scream Trackers.

So viel in aller Kürze zur, wie gesagt, recht langen Geschichte. Aber: was ist denn eigentlich ein Tracker?

Definition eines Trackers

Ein Tracker ist ein Sequenzer. Tabellenartig werden Notenwerte eingegeben – jede Spalte repräsentiert in der Regel eine Stimme, für die ein Sample hinterlegt ist. Die vertikale Dimension ist die zeitliche Schiene. Jede Koordinate in dieser Tabelle kann per Tastendruck oder per MIDI-Input zunächst einen Notenwert erhalten. Zusätzlich (und abhängig vom verwendeten Programm) können aber auch noch Effekt-Werte o.ä. hinterlegt werden. Auf diese Weise werden zunächst Patterns komponiert, die dann wiederum in beliebiger Reihenfolge zu ganzen Songs arrangiert werden.
Das Ganze sieht auf den ersten Blick meist recht kryptisch aus, trotzdem wird diese Herangehensweise gerade für Leute ohne großen Musikhintergrund besonders schnell verständlich.

Tracker für Pinguine

Schism Tracker

Schism Tracker - ME and my U

Die recht angenehme Oberfläche des Schism Tracker

Eine freie Re-Implementierung des Impulse Trackers ist der Schism Tracker. Das Projekt setzt auf Quelloffenheit, steht unter der GPL und zeigt sich mit Builds für Linux, Mac OS und Windows auch plattformfreundlich. Selbst für exotischere Geräte wie den Raspberry PI oder die Wii gab es schon spezielle Builds, die allerdings nicht mehr offiziell supportet werden.

Leider kann der Schism Tracker derzeit noch nicht mit dem Jack-Server arbeiten. Das Thema wurde schon 2005/2006 angesprochen und darauf hin eine entsprechende Erweiterung angekündigt. Leider hat sich bisher wohl nichts Konkretes ergeben.

Was wieder klar für den Schism spricht, ist die gut verständliche Oberfläche und die ausführliche, ins Programm integrierte Hilfe (auch wenn die schier überwältigende Funktionsvielfalt einen schnell überfordern kann). Das Programm kann zudem so ziemlich jedes Format importieren (.MOD, .XT, .S3M, .IT und weitere) und erzeugt entweder Dateien im .IT– oder im .S3M-Format. Ein Export der Komposition als .WAV ist im Handumdrehen gemacht. MP3-Dateien zu erzeugen, ist ebenfalls möglich. Die GUI wird zwar erst einmal recht winzig gestartet, kann aber beliebig vergrößert werden.

Der Schism Tracker kann direkt aus den Standard-Paketquellen (universe) von Ubuntu installiert werden:

sudo apt-get install schism

MilkyTracker

MilkyTracker - ME and my U

Der MilkyTracker

Der MilkyTracker ist ein Nachfolger des DOS-Programms Fast Tracker II und setzt ebenfalls auf Open Source (GPL) und Crossplattform-Fähigkeit. Es werden Builds für die großen drei Betriebssysteme Linux, Mac OS und Windows angeboten.

Der Tracker kann zumindest Audio-seitig mit dem Jack-Soundserver verbunden werden. Einen einfachen MIDI-Support soll es geben (habe ich selbst nicht ausprobiert), MIDI-Verbindungen über Jack sind aber nicht möglich. .IT– und .S3M-Songs können importiert werden. Ansonsten verarbeitet das Programm .MOD– und .XM-Dateien.

Der MilkyTracker ist in den Standard-Paketquellen (universe) von Ubuntu enthalten:

sudo apt-get install milkytracker

Goattracker

GoatTracker - ME and my U

GoatTracker V2.72

Der Goattracker ist insofern speziell, da er zum Erzeugen von SID-Musik gemacht ist. SID (Sound Interface Device) war der Name des Soundchips, der im Commodore C64 verbaut war und für den eigenen, heute noch in der Chiptune-Musik angesagten Sound sorgte.
Anders als die anderen Tracker dient das Programm hier nicht als Sequenzer für beliebige Samples. Stattdessen werden über verschiedene Parameter pro Spur zunächst die „Instrumente“ definiert – also einen SID-Sound. Für den werden dann nach Tracker-Manier die Noten in das Raster eingetragen.

Auch der Goattracker steht unter der GPL und ist mit einer Mac OS Version zumindest auch für eine andere Plattform neben Linux verfügbar. In Ubuntu kann das Programm direkt aus den Standard-Paketquellen (universe) installiert werden:

sudo apt-get install goattracker

Wer in diese Richtung interessiert ist, kann sich natürlich auch einen C64-Emulator (z.B. VICE) schnappen und darin ein Kompositionstool laden. Wobei das Verbindungen zu anderen Programmen und den Wave-Export wohl eher verkompliziert…

SunVox

SunVox - ME and my U

SunVox

Auch SunVox ist ein ziemlich spezieller Vertreter. Nicht, weil es als Freeware kommt und kein Quelltext zur Verfügung gestellt wird.
Was es speziell macht ist die Tatsache, dass das Programm einen FM- und einen Drum-Synthesizer integriert, zudem aber auch wie ein gewöhnlicher Tracker funktioniert. Zudem werden einige Effekte wie beispielsweise Distortion, Flanger oder Vocal Filter geboten.

Übrigens wirbt auch der Entwickler dieses Tools mit extremer Plattformunabhängigkeit – iOS, Android, MeeGo, usw. – und natürlich auch die „großen drei“. SunVox kann mit MIDI umgehen, genauso wie mit dem Jack-Server und kann darüber hinaus .XM- und .MOD-Songs importieren.

Installiert werden muss SunVox nicht. Die Binaries werden als ZIP heruntergeladen. Entpacken und die richtige Version (die Binaries für verschiedene OS sind enthalten) starten. Schon kann es losgehen.

Renoise Tracker

Renoise - ME and my U

Das professionelle Renoise

Zum Schluss komme ich nicht drumherum, Renoise auch noch zu erwähnen. Nicht, dass ich das besonders ungern täte, aber es ist in der Reihe der hier genannten Programme nunmal das einzige kommerzielle und zudem closed Source.
Andererseits ist es, das muss man neidlos bekunden, das bedienerfreundlichste und wohl das mit dem professionellsten Funktionsumfang.

Immerhin gibt es eine kostenlose Testversion, die sich nach dem Entpacken des Downloads direkt starten lässt. Die Haupt-Einschränkung dieser Testversion ist, dass erstellte Songs nicht als Wave exportiert werden können.

Der Name des Programms stammt von der Programmbasis – dem Noisetrekker. Es bietet u.a. Jack- und MIDI-, VST- und LADSPA-Support. Für die Vollversion muss man allerdings auch rund 60 EUR berappen.

Sonstige

Zwei weitere Tracker hätte ich auf Grund ihrer Beschreibungen gerne noch in die Liste aufgenommen. Allerdings hatte ich Schwierigkeiten, sie zum Laufen zu bekommen. Falls ihr also noch mehr sucht und Lust am Basteln habt:

  • Der Cheesetracker muss selbst aus den Quellen (GPL) kompiliert werden. Es läuft allerdings nur mit QT3, nicht mit QT4. Ebenfalls ein Erbe des Impulse Trackers, der aber im Gegensatz zu Schism auch mit Jack kann.
  • Für den Protrekkr sind zwar Linux-Binaries zu bekommen. Allerdings ließ sich das Programm bei mir nicht starten, weil auf die Soundkarte wohl nicht zugegriffen werden konnte.

Schlusswort

Ich hoffe, ich konnte denjenigen einen lohnenswerten, verständlichen ersten Überblick verschaffen, die sich bisher noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Allen anderen konnte ich vielleicht trotzdem noch einen guten Gedankenanstoß geben.

Wer Gefallen an dem Artikel gefunden hat, mag vielleicht auch meine übrigen Beiträge zum Thema „Tonstudio“ lesen:


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4 Kommentare zu Tonstudio, Folge 7: (MOD-)Tracker

  1. Kommentar von Phil_IP
    4. Februar 2014, 12:41 Uhr.

    Danke für diese Interessante Übersicht. Ich höre tatsächlich bis heute MOD-Musik :-)

    • Kommentar von Gerald
      4. Februar 2014, 12:50 Uhr.

      Danke für’s Feedback! Ich bin tatsächlich auch immer wieder platt, was Leute aus den Dingern rausholen können… und freu mich, wenn die „alten Tunes“ (gerade was den 64er angeht) wieder mal in aktueller Musik auftauchen. War ja in den letzten Jahren mal wieder angesagt… :)

  2. Kommentar von Bernd
    13. Februar 2014, 14:26 Uhr.

    Vielen Dank für die Zusammenfassung, als kleine Ergänzung möchte ich noch auf buzztrax (in den Ubuntu Repos noch unter dem alten Namen buzztard auffindbar) hinweisen:
    http://buzztrax.org/

    • Kommentar von Gerald
      13. Februar 2014, 15:38 Uhr.

      Stimmt, den hatte ich ursprünglich auch mal auf meiner Liste. Der ist mir aber scheinbar irgendwie „abhanden“ gekommen zu sein. Wusste allerdings auch nicht, dass der über die Standard-Repos installiert werden kann. Danke für deinen Hinweis, Bernd!

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